Gewalt ist zwar durch den production code verboten (außer, es ist unumgänglich, sie zu zeigen), findet aber in jedem film noir statt:
Kapitelübersicht:
- Analyse der Gewaltausübung hinsichtlich Gender
- Audiovisuelle Umsetzung von Gewalt
- Gewalt zum Zweck: Folterszenen
- Die Auswirkungen des production code
- Machtausübung durch die Androhung von Gewalt
- Die Waffe der Frauen: (sexuelle/verbale) Provokation
- Reaktion auf die Bedrohung durch eine Waffe
- Inszenierung von Verletztwerden oder Sterben
Es ist festzustellen, dass Gewalt häufig von Männern ausgeübt wird und zwar entweder gegenüber anderen Männern oder gegenüber Frauen.
Dazu gehört nicht nur das Schlagen mit der flachen Hand, sondern auch das grobe Festhalten und Schütteln (zwecks Bedrohung oder Zur-Vernunft-Bringen), das Drängen gegen eine Wand bis hin zum sich Aufbauen vor einer Figur und zum ausdrücklichen Herabblicken; allein schon durch den Größenunterschied und die physische Präsenz ist eine körperliche Bedrohung zwischen der größeren und der kleineren Figur zu spüren (vgl. „Born to Kill“, 1947).
Männer schlagen sich gegenseitig:
Oftmals mit dem Ziel, den anderen zusammenzuschlagen, so dass dieser ohnmächtig am Boden liegt (vgl. „Kiss Me Deadly“, 1955).
Dabei werden Fäuste und Gegenstände (wie Flaschen, Pistole, Stühle, etc.) verwendet und gezielt auf dem Gesicht (Kopf), Bauch oder Rücken zertrümmert.
Häufig ist die Absicht, einen kriminellen Rivalen oder einen Detektiv, der die Wahrheit aufdecken könnte, damit aufzuhalten.
Liegt das männliche Opfer am Boden bzw. ist ohnmächtig, kommt es oft vor, dass der Mann weiterhin zuschlägt. Spürbar geht es in solchen Szenen auch um das Wutauslassen, und damit um das (indirekte) Zeigen von Emotionen.
Frauen hingegen werden eher geohrfeigt:
Das Ziel des schlagenden Mannes ist dabei meistens, die Frau aus ihrer „Hysterie“ zu holen und „zu beruhigen“ (vgl. „Angel Face“, 1952) oder um seiner (von ihr provozierten) Hilflosigkeit Ausdruck zu verleihen (vgl. „Gilda“, 1946).
Schlägt ein Mann eine Frau, so tut er das mit der flachen Hand und eher nur ins Gesicht.
Die Reaktion der Frau ist danach häufig das Zeigen von Schwäche: Weinen, Schreien, Wegdrehen oder die Hände erheben, um sich vor dem nächsten Schlag zu schützen.
Wenn eine Frau sich in einer solchen Situation wehrt, so tut sie das meist mit Worten.
Es gibt aber auch Frauen, die Frauen schlagen:
Diese sind meistens ihre Töchter und in irgendeiner Beziehung ungehorsam (was den Umgang mit Geld oder Männern angeht).
Auch hier ist die einmal gegebene Ohrfeige eine Handlung aus dem Affekt und Zeichen der Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit, mit der die Mutter ihrer Tochter gegenübersteht (vgl. „Mildred Pierce“, 1945, „Desert Fury“, 1947).
Das Resultat ist meistens eine weitere Entzweiung zwischen Mutter und Tochter; da die Tochter nach der Ohrfeige erst recht das tut, was die Mutter ihr mit solchem Nachdruck zu verbieten suchte.
Frauen, die Männer ohrfeigen, sind nicht besonders häufig, es gibt sie aber doch:
Oft in gesellschaftlichen Situationen, wo sie nicht alleine mit dem Mann sind und wo der Mann z.B. eine Regel des Anstands verletzt hat.
Ein einprägsames Beispiel ist der Beginn von „The Glass Key“ (1942) wird, wo der betrügerische Politiker Paul Madvig in einer flotten Sequenz vorgestellt, die damit endet, dass die Tochter seines Konkurrenten ihn für seine schlechte Politik öffentlich ohrfeigt.
Sein Kommentar dazu charakterisiert ihn kurz und witzig („I just met the swellest dame… She smacked me in the kisser“) und er beschließt auf der Stelle, sie zu heiraten, womit die Filmhandlung in Gang kommt.
Bei der Ausübung von Gewalt, konkret beim Zuschlagen oder Ohrfeigen, stehen sich die SchauspielerInnen gegenüber und entweder parallel oder mit dem Rücken zur Kamera:
Stehen die SchauspielerInnen parallel zur Kamera, sieht man durch die Geschwindigkeit der Handbewegung nicht, ob die Hand des einen das Gesicht des anderen berührt oder nicht (vgl. die Szene, in der Gene Tierney anfangs in „Where The Sidewalk Ends“, 1950, georfeigt wird).
Spielt man die Szenen stark verlangsamt ab, sieht man teilweise handbreitgroße Abstände zwischen der schlagenden Hand oder Faust und dem jeweiligen Kinn oder Gesicht, d.h. hier findet nicht einmal Berührung statt.
Durch den in der Postproduktion hinzugefügten Ton (Klatschen oder dumpfes Geräusch) und die Schnelligkeit, in der das Ganze abläuft, merkt man das bei normalem Wiedergabetempo nicht.
Stehen die SchauspielerInnen mit dem Rücken zur Kamera, d.h. auf der Kameraachse, kann man nicht erkennen, ob sich schlagende Hand und geschlagenes Gesicht berühren oder nicht.
Grund dafür ist die Tatsache, dass das zweidimensionale Kamerabild die (nur dreidimensional wahrnehmbare) Entfernung zwischen zwei Gegenständen auf der Kameraachse nicht wiedergeben kann.
Eine interessante Ausnahme bildet „Kiss Me Deadly“ (1955), hier wird in der Prügelszene die subjektive Kamera höchst effizient verwendet:
Gegen Filmende gibt es eine Kampfszene (Min. 1:15:00), wo zwei Männer einen dritten prügeln. Jedes Mal, wenn einer der beiden ausholt, steht die Kamera vor ihm, als wäre sie der dritte Mann: Es wirkt, als würde jeder der zwei Männer auf die Kamera (oder auf uns, das Publikum) einschlagen.
Jeweils im letzten Moment, bevor eine Hand die Kamera trifft, wird auf den dritten Mann geschnitten, sein Gesicht wird in einer ebensolchen Großaufnahme ebenso frontal gezeigt, es klatscht und er taumelt weg.
So hat man das Gefühl, selbst geschlagen zu werden und unmittelbar dabei zu sein.
Generell werden Prügeleien zwischen Männern oft als miteinander Ringen inszeniert; zwei Männer halten einander mit konzentriertem Gesichtsausdruck am Kragen und taumeln durchs Bild, ohne sich zu schlagen, sondern sind minutenlang drückend, drängelnd, würgend ineinander verkeilt.
Immer wieder gibt es im film noir neben der Gewaltausübung aus dem Affekt auch Folterszenen, wo also eine Mehrheit einem/r Einzelnen gegenübersteht, diese/n in einem Raum in ihrer Gewalt hält und ihn/sie mit dem Ziel foltert, ein Geständnis aus ihm/ihr durch möglichst große körperliche Schmerzen herauszuholen.
- Dabei werden fast immer Männer gefoltert – hauptsächlich mit Schlägen, aber auch mit ungewöhnlichen Mitteln, so z.B. mit dem Hörgerät eines der Ganoven in „The Big Combo“ (1955) (ab Min. 32:50), das die Ganoven dem gefolterten Detektiv umhängen und in das sie hineinbrüllen.
- In einem von sehr wenigen Filmen, in denen eine Frau gefoltert wird (“Kiss Me Deadly”, 1955, ab Min. 9:00) sitzt diese scheinbar erhöht, nur ihre (nackten) Füße ragen (ab den Knien) ins Bild. Links und rechts neben ihr stehen zwei Männer, erkennbar nur an den Anzugshosen und den männlichen Schuhen. Kurz wischt eine Hand mit einer Zange durchs Bild, dann setzen haarsträubende Frauenschreie ein und die Beine wackeln, so als ob die Frau sich mit allen Kräften wehren würde. Gerade das Nicht-Zeigen, sondern nur das Suggerieren von dem, was sich abspielen könnte, evoziert die größtmögliche Gänsehaut bei den ZuseherInnen.
Ob Schläge, Folter oder auch (Selbst)Mord: Für alle gezeigten Opfer gilt, dass aufgrund des production code weder Blut noch Verletzungen, weder offene Stellen am Körper noch verspritzte Hirnmasse zu sehen sind.
So kommt es, dass viele Kämpfe und Morde eine äußerst sterile, unberührte Aura haben: Sei es, dass ein Protagonist aus nächster Nähe (aus ca. einem Meter) viermal in den Oberkörper geschossen wird und kein Blut durch seinen Anzug dringt (und er überlebt, z.B. „Kiss Of Death“, 1947, bei Min. 1:33:00) oder dass ein Selbstmörder nach dem Kopfschuss liegend am Schreibtisch vorgefunden wird – scheinbar unverletzt (z.B. „The Big Heat“, 1953).
Ein früher film noir zeigt allerdings noch Blut: Aus Peter Lorres Mund läuft Blut, als er am Filmende vom LKW überfahren wird („Stranger On The Third Floor“, 1940).
Männer sind oft klar physisch überlegen, was sich in Körpersprache und Inszenierung äußert (der Mann lehnt sich gegen die Wand, zwischen ihm und der Wand befindet sich die Frau, der Mann ohrfeigt die Frau, der Mann sperrt die Frau in ein Zimmer/ein Apartment ein, etc.).
Frauen bedrohen die Männer in film noir eher selten – außer, sie haben einen Revolver in der Hand (vgl. „The Maltese Falcon“, 1941, „The Strange Love Of Martha Ivers“, 1946, „Sunset Boulevard“, 1950 oder „Gun Crazy“, 1950).
In den genannten Filmen bedrohen eher die Frauen, die im Film als „stark“ inszeniert sind, (d.h. aufrechte Körperhaltung, stabil im Stand, kompetent in einem sonst üblicherweise den Männern zugeordneten Bereich oder finanziell unabhängig sind, egal ob sie zu Geld durch Erbe oder selbständige Arbeit gekommen sind.)
Eine Ausnahme ist “Kiss Me Deadly”, wo die von Detektiv Mike Hammer verfolgte Frau ihn in ihrem Zimmer erwartet – und mit einer Pistole bedroht (“Kiss Me Deadly, 1955):
Häufiger wird gezeigt, dass Frauen – femmes fatales – die männlichen Figuren provozieren, indem sie diese ihre Macht über sie durch ihrer sexuellen Reize spüren lassen.
Da sich diese Frauen meist im Schutz des reichen, mächtigen Ehemannes befinden, ist es den so provozierten Männern meist nicht möglich, auf diese Provokation mit spannungsentladender Gewalt zu reagieren. So baut sich Spannung auf, die im Fall von „Gilda“ (1946) einen ganzen Film trägt.
Mit einer Waffe bedroht zu werden, kommt im film noir häufig vor. Sehr interessant ist, wie ruhig und emotionslos, fast abgeklärt die Figuren darauf reagieren:
Zieht einer eine Pistole, hält sich das Entsetzen in Grenzen; meist wird mit ruhiger Stimme und markanten Sprüchen darüber geredet, was als nächstes passieren wird. Von Hektik, Aufregung oder Panik keine Spur.
Im Gegenteil: in einigen Filmen gehört es sogar zum Höhepunkt, dass die bedrohte Figur sich eben nicht erschrecken lässt, sondern völlig selbstsicher reagiert: Z.B. in „The Strange Love Of Martha Ivers“ (1946), als Barbara Stanwyck Van Heflin mit dem Revolver bedroht und dieser das Haus mit den Worten verlässt, sie könne ihn erschießen, aber sie werde es nicht. Oder auch in „Spellbound“ bei Min. 1:46:00, als Ingrid Bergmann den Mörder, dessen Revolver auf sie zeigt, mit den Worten, ein so kühl kalkuliert wirkender Mord passe nicht zu ihm, in seinem Zimmer sitzen lässt, woraufhin er sich selbst erschießt.
Wenn geschossen wird, sackt der Angeschossene zusammen, manchmal stirbt er auch – choreografiert wie ein Balletttänzer – im Aufsehen erregenden Kugelfeuer (vgl. „Kiss Of Death“, 1947, Min. 1:33:00) – allerdings ist wegen des production code niemals Blut zu sehen:

Auch bei Selbstmorden (Kopfschüssen) liegen die Toten nur wie schlafend auf ihrem Schreibtisch (z.B. „The Big Heat“, 1953, „The Glass Key“, 1942), von aufgeplatzten Schädeln und verspritzter Hirnmasse ist – anders als in Neo-Noir-Filmen (z.B. „Blue Velvet“, 1986) – selbstverständlich nichts zu sehen.
Grundsätzlich gilt, dass alles, was Gewaltausübung (auch z.B. Autounfälle) darstellt und Tote oder Verletzte zur Folge hat, eher nicht gezeigt, sondern nur angedeutet wird:
Beliebt sind dafür Bildfolgen wie diese: ein Revolver, der feuert, ein Mann, der scheinbar getroffen umfällt (dessen Anzug aber keinesfalls blutig ist, vgl. „Kiss Of Death“, 1947, Min. 1:33:00) – es ist klar, er ist tot.
Im Film „Stranger On The Third Floor“ (1940), einem der ersten films noirs, gibt es für viele Jahre das letzte Blut im Filmbild zu sehen: und zwar im Mundwinkel des am Filmschluss vom Auto überfahrenen Mörders Peter Lorre:

